Text von Marlon Rusch, erschienen am 17. Dezember 2025 bei DIE ZEIT
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In Kriens, ein paar Kilometer südwestlich von Luzern, steht das Haus Lehn in einem grünen Hang. Das ehemalige Ferienheim wird vom Kanton finanziert und vom Verein Akzent betrieben, aus dem Fenster blickt man in die Berner Alpen. Die 15 Bewohnerinnen und Bewohner leben in Wohngemeinschaften, arbeiten im Garten oder in der Werkstatt, machen Yoga oder Musik und besuchen unterschiedlichste Therapien.
«Wir helfen den Bewohnern, ihr Leben neu aufzubauen», sagt der Co-Geschäftsführer Hannes Lüthi. Sie sollen einen Umgang mit ihrer Sucht finden, lernen, mit Geld umzugehen, und sich in den Arbeitsmarkt integrieren. Aufgenommen wird im Haus Lehn nur, wer den körperlichen Drogenentzug bereits hinter sich hat.
«Wir helfen den Bewohnern, ihr Leben neu aufzubauen.»
Hannes Lüthi, Co-Geschäftsführer
Einer, der vor sieben Wochen eingezogen ist, soll hier Burak heißen. Wenn man den 27-Jährigen sieht, würde man kaum vermuten, dass er bis vor kurzer Zeit noch rastlos durch die Luzerner Gassen irrte. Ein aufgeweckter junger Mann im schwarzen Leinenhemd, die langen Haare zusammengebunden, im Gesicht ein paar Piercings. Doch Burak sagt: «Dass ich noch atme, ist ein Wunder.»
Seine Drogenkarriere begann mit 15 in einem Dorf in der Innerschweiz. Zuerst Marihuana, später Amphetamine auf Partys und Benzodiazepine, starke Beruhigungsmittel, um wieder runterzukommen. Er hatte Bekannte, die Zugang zu den Medikamentenschränken in Spitälern hatten – also probierte er alles aus. Zwei Jahre lang habe er jeden Tag Drogen konsumiert, sagt Burak. «Die beiden Jahre sind eine einzige Erinnerungslücke.»
Eines Tages habe ihm jemand Heroin zum Rauchen gegeben. Das sei günstiger gewesen als das Beruhigungsmittel Xanax. Also sei er abends nach der Arbeit auf dem Bau noch in den Arbeitskleidern auf die Gasse gegangen, um Stoff zu kaufen. Heute sagt Burak: «Damals wusste ich das noch nicht, aber ich nahm die Drogen, um meine Probleme zu vergessen.»
«Ich nahm die Drogen, um meine Probleme zu vergessen.»
Klient der Suchttherapie
Als einmal kein Heroin da war und die Entzugsschmerzen so stark gewesen seien, dass er sich nur noch schreiend im Bett wälzte, habe er in der Notfallpsychiatrie erstmals Morphin und Beruhigungsmittel erhalten. Doch ausgerechnet bei der staatlichen Abgabestelle, wo er die Medikamente anschließend abholen konnte, traf er auf neue Dealer. «Dort zu warten, war die gefährlichste Zeit.»
Auf der verzweifelten Suche nach Heroin habe er eines Tages sein erstes Crack-Steinchen gekauft. Das war vor zwei Jahren, Burak war 25. «Noch während ich an der Pfeife zog, kam die Wirkung. Wow! Vorher war ich tot, aber das Steinchen hat mich wiederbelebt. Schon nach zehn Sekunden wollte ich mehr.»
Bis dahin habe er im Alltag mehr oder weniger funktioniert, erzählt Burak. Nun sei er in der Öffentlichkeit aufgefallen. Schaffte er es vorher manchmal tagelang nicht aus dem Bett, hielt es ihn jetzt nicht mehr in der Wohnung. Pausenlos war er unterwegs, «ohne Ziel, aber immer im Stress». Er schwitzte, laberte alle voll. Vorher seien Studenten seine Freunde gewesen, jetzt die Leute von der Gasse.
Ein Steinchen bekommt man auf der Straße ab fünf Franken. Burak sagt, er habe wöchentlich bis zu 2.000 Franken für Crack ausgegeben. Er nahm stark ab, bestahl seine Eltern: «Crack macht dich zu einem Unmenschen.»
«Crack macht dich zu einem Unmenschen.»
Eltern des Klienten
Sein Glück war, dass er auf dem Bau schnell einen neuen Job fand, wenn er den vorherigen wieder einmal verloren hatte. Er machte keine großen Schulden, lebte nie auf der Straße – und er wurde früh genug vom Staat aufgefangen.
Nach einem Zusammenbruch verbrachte er zuerst notfallmäßig mehrere Wochen in einer psychiatrischen Klinik. Danach lebte er je für einige Monate in vier verschiedenen Therapiezentren: Traumatherapie, Benzodiazepin-Entwöhnung, Morphin-Entwöhnung, Tagesstruktur mit Tieren. Und nun ist er hier, in den grünen Hängen von Kriens.
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